Sieben Pedale, die kaum jemand kennt – aber ihre Besitzer niemals hergeben würden
Es gibt diese Pedale, die kennt eigentlich jeder. Boss, MXR, Electro-Harmonix, Strymon. Namen, die man schon hundertmal gesehen hat, bevor man überhaupt das erste eigene Pedal gekauft hat. Dazu kommen die Marken, die irgendwann selbst zum Kult geworden sind. EarthQuaker Devices, Stone Deaf, Lunastone und andere tauchten auch in unserer Umfrage auf.
In der PEDALBOARD-Community hatte ich im September 2026 jedoch nach etwas anderem gefragt:
Welches Pedal aus einer kleinen, möglichst unbekannten Schmiede ist eure persönliche Geheimwaffe? Kein Klassiker, kein Hype-Pedal und bitte möglichst nichts, das ohnehin schon unter jedem zweiten Pedalboard-Foto auftaucht."
Die Antworten waren erwartungsgemäß sehr unterschiedlich. Auffällig war allerdings, wie häufig Booster und andere eher unspektakuläre Helfer genannt wurden. Offenbar muss ein Pedal nicht drei Betriebsarten, MIDI und ein Display mitbringen, um dauerhaft auf einem Pedalboard zu landen. Manchmal ist weniger oft mehr, wie diese 7 Kommentatoren zeigen:.
MIDI-Helfer
Eine besonders ungewöhnliche Geheimwaffe ist die Minerva von Oscillator Devices. Auf den ersten Blick hat das Gerät mit einem klassischen Effektpedal sogar relativ wenig zu tun. Es handelt sich um einen kleinen, per MIDI steuerbaren Sample Player. Damit lassen sich Samples, Intro-Clips oder andere Einspieler direkt ins Setup integrieren. Das ist natürlich eine völlig andere Baustelle als der klassische Kampf um das letzte bisschen mehr Gain oder Sustain.Gerade für Gitarristen, die mit Intros, Loops, Backing-Tracks oder anderen Einspielern arbeiten, kann so ein kleines Gerät allerdings ausgesprochen praktisch sein. So wohl auch für Community-Mitglied Oliver. Das Pedal muss also nicht unbedingt den Gitarrenton verändern, um eine Geheimwaffe zu sein. Manchmal ist es eben das Gerät, von dem niemand weiß, was es eigentlich auf dem Board macht, bis plötzlich das Intro läuft.
Der Booster, der den Ton dicker macht
Weniger spektakulär, aber offensichtlich sehr überzeugend ist der Mojo-Boost von GrooveTone. Die Beschreibung von Manfred unter der Umfrage dazu war bemerkenswert bodenständig. Der Booster sei für ihn "wie Salz auf den Tomaten". Wenn der Ton zu dünn ist, kommt einfach eine ordentliche Portion dazu. Das kann sich vermutlich jeder Gitarrist vorstellen, der schon einmal vor einem Verstärker stand und dachte, dass da noch irgend etwas fehlt.
GrooveTone ist eine kleine deutsche Schmiede aus Buxtehude. Dahinter steht Kim Schrader, der sich schon früh mit Verstärkern beschäftigte und nun seine Pedale selbst entwickelt und baut.Der Mojo-Boost funktioniert dabei sowohl als Clean Boost als auch mit ordentlich Verzerrung. Gerade solche Pedale werden gerne unterschätzt. Ein Booster ist schließlich kein Gerät, das auf dem Pedalboard besonders viel Aufmerksamkeit fordert. Dafür liefert es dem Kommentator genau das fehlende Stück im Sound.
Und wahrscheinlich ist das auch einer der Gründe, warum Booster in der Umfrage so häufig auftauchten. Ein gutes Boost-Pedal wird nicht unbedingt deshalb geliebt, weil es besonders aufregend ist. Es wird geliebt, weil man irgendwann merkt, dass der eigene Sound ohne es nicht mehr ganz derselbe ist.
Ein Preamp als Geheimwaffe
Auch der RS Mk3 Preamp von Emens Labs - einer kleinen Schmiede aus Deutschland - wurde genannt, und zwar von mehr als einem Kommentator. Und viel mehr stand auch eigentlich nicht dabei. Schon die Tatsache, dass ein eher unbekannter Preamp über längere Zeit auf einem Board bleibt, sagt eigentlich genug.
Der RS Mk3 stammt aus der Rosetta-Stone-Serie und ist ein analoger Preamp, der Signale verstärken und formen kann. Im Studio kann er beispielsweise dabei helfen, ein Signal vor der Wandlung auf einen passenden Pegel und Klang zu bringen.Preamp-Pedale stehen häufig etwas im Schatten von Distortion, Fuzz und Overdrive, obwohl sie massiv beeinflussen können, wie ein komplettes Setup reagiert. Gerade bei unbekannteren Herstellern findet man hier manchmal Geräte, die nicht unbedingt versuchen, irgendeinen bekannten Klassiker möglichst exakt nachzubauen. Stattdessen verfolgen sie ihre eigene Idee davon, wie ein Signal geformt werden soll. Und genau solche Geräte landen häufig in der persönlichen Geheimwaffen-Schublade. Nicht, weil jeder sie haben muss, sondern weil sie für einen bestimmten Spieler plötzlich genau das richtige Werkzeug sind.
Ein Pedal aus den 80ern
Eine der schönsten Geschichten der Umfrage kommt allerdings aus einer ganz anderen Ecke. Der Teilnehmer Robin Son schwört auf das Distortion Pedal des tschechischen Herstellers Velorex aus den 1980er-Jahren. Entdeckt wurde es nicht bei einem angesagten Boutique-Händler und auch nicht über irgendeinen YouTube-Kanal. Es stand während eines Urlaubs mit den Eltern in einem Musikgeschäft. Das ist vermutlich die Art von Pedalkauf, die heute kaum noch vorkommt. Man sieht das Ding im Laden und denkt sich offenbar: Das nehme ich mit.
Über Velorex ist erstaunlich wenig dokumentiert. Historische Quellen belegen allerdings verschiedene Effektgeräte des Herstellers aus den 1980er-Jahren, darunter EQ-, Noisegate- und Overdrive-Modelle. Viel mehr scheint über die kleine tschechische Firma erstmal garnicht bekannt zu sein. Und damit sind wir ziemlich genau bei dem angekommen, was mit einer persönlichen Pedal-Geheimwaffe gemeint ist.Der Besitzer beschreibt das Pedal als eine Art sägendes Fuzz. Es klingt offenbar so eigenwillig, dass man beinahe vermuten könnte, der Lautsprecher hätte einen Riss. Normalerweise wäre „klingt kaputt“ bei einem Effektgerät wahrscheinlich kein besonders gutes Verkaufsargument. Hier ist es genau andersherum.
Interessant, denn manchmal sind es gerade die Sounds, die technisch betrachtet nicht perfekt wirken, die im richtigen musikalischen Zusammenhang aber perfekt funktionieren. Das zeigt ganz gut, dass ein ungewöhnlicher Klang nicht automatisch unbrauchbar sein muss. Im Gegenteil. Für den Kommentator ist dieses Pedal die Geheimwaffe, die seit Jahren auf dem Board besteht.
Ich nehm gleich fünf
Beim Triton Lab FET Overdrive wird es technisch wieder interessant, aber vor allem menschlich ziemlich überzeugend.
Das Pedal stammt aus Estland und arbeitet mit einer FET-basierten Schaltung. Es wurde für Gitarre und Bass angeboten und besitzt zwei Gain-Stufen sowie eine umfangreiche Klangregelung. Auffällig ist außerdem die für ein Pedal ungewöhnlich hohe Betriebsspannung.Viel wichtiger ist aber, was der Besitzer Marc daraus macht. Für ihn ist der Triton Lab ein Always-on-Pedal für den Bass. Es soll den Grundsound runder, voller und ausgewogener machen. Sein schönes Wort dafür: „Umami“. Das ist wahrscheinlich eine der besten Beschreibungen für die Funktion eines Always-on-Pedals. Es muss nicht offensichtlich nach Effekt klingen. Es soll dafür sorgen, dass der eigentliche Sound besser funktioniert.
Und dann kommt der Satz, der die ganze Sache endgültig sympathisch macht:
Marc hat das Pedal mittlerweile fünf mal zu Hause.
Fünf mal.
Fünf Stück :-)
Das ist nicht mehr einfach nur Vertrauen in ein Pedal. Das ist eine Versicherungspolice gegen den Tag, an dem das gute Stück irgendwann seinen Dienst quittiert. Man kann darüber natürlich ein bisschen schmunzeln. Gleichzeitig kennt wahrscheinlich jeder Gitarrist dieses Gefühl, dass, wenn man endlich ein Gerät gefunden hat, das genau das macht, was man möchte, entsteht plötzlich eine ganz neue Sorge: Was passiert, wenn es kaputtgeht und ich keinen Ersatz mehr bekomme?
Die logische Konsequenz lautet dann offenbar: Einfach fünf davon kaufen.
Ein Klassiker unter den Geheimwaffen
Der Baldringer Dual-Drive ist im Vergleich zu einigen anderen genannten Kandidaten schon deutlich bekannter. Trotzdem passt er gut in die Geschichte, denn auch hier steht nicht der kurzfristige Hype im Vordergrund.
Entwickler Dirk Baldringer beschäftigt sich seit den frühen 1980er-Jahren mit Verstärkern und deren Modifikation. Der Dual-Drive entstand aus dem Wunsch, einem Verstärker zusätzliche Sounds zu verpassen, ohne dafür gleich mehrere Verstärker mitzuschleppen.Das Entscheidende: Der Dual-Drive ist nicht einfach ein weiterer Distortion-Treter. Er arbeitet eher wie ein kleiner analoger Preamp mit zwei Kanälen.
Teilnehmer Thomas schreibt schlicht, dass das Pedal seit vielen Jahren auf seinem Board ist. Mehr muss man manchmal gar nicht wissen, denn ein Pedal, das über viele Jahre denselben Platz behält, hat eine andere Art von Qualität als ein Gerät, das gerade überall auf Instagram auftaucht. Trends kommen und gehen. Pedalboards verändern sich. Neue Versionen erscheinen. Irgendwann wird aus „Das muss ich unbedingt ausprobieren“ ein Karton im Keller.
Das Pedal, das zehn Jahre später immer noch angeschlossen ist, hat dagegen offensichtlich irgendwas richtig gemacht.
Und natürlich noch ein Booster
Zum Schluss darf ein Booster nicht fehlen. Der Ten Boost von Greuter Audio aus der Schweiz.
Greuter verbindet bei seinem Boost klassische Germanium-Treble-Boost-Ästhetik mit einer zusätzlichen Silizium-Stufe. Über die Regelmöglichkeiten lässt sich der Charakter stärker in Richtung Höhen, Mitten oder eines aggressiveren Sounds verschieben. Das Entscheidende ist aber wieder die Anwendung. Er kann einen Verstärker stärker anfahren, einen Overdrive davor oder dahinter beeinflussen oder einfach dafür sorgen, dass ein bestimmter Sound besser im Mix funktioniert. Deshalb landen Booster wahrscheinlich so häufig in den persönlichen Geheimwaffen-Listen.Der Greuter Ten Boost wurde von Thomas ebenfalls als persönliche Geheimwaffe genannt. Die Begründung war denkbar kurz: „best Booster ever“.
Das ist schön subjektiv und gleichzeitig doch ganz passend für eine Umfrage wie diese. Denn genau darum geht es bei persönlichen Geheimwaffen. Es gibt kein objektives Pedal, das für jeden Gitarristen automatisch besser funktioniert. Der eine braucht einen Booster, der einen zu dünnen Sound etwas kräftiger macht. Der nächste möchte einen bestimmten Preamp ständig eingeschaltet lassen. Wieder jemand anderes sucht seit Jahren nach einem Fuzz, das klingt, als wäre der Lautsprecher kurz davor, sich selbst aufzugeben. Und dann gibt es denjenigen, der fünf Exemplare desselben Overdrives besitzt, damit auch wirklich nichts schiefgehen kann.
Interessant ist deshalb weniger die Frage, welches dieser Pedale nun tatsächlich das „beste“ ist. Das lässt sich ohnehin nicht beantworten. Spannender ist, warum gerade solche Geräte zu Geheimwaffen werden. Aber das kann jeder Spieler nur für sich selbst beantworten.
Bei bekannten Pedalen gibt es eine Erwartung. Bei unbekannten Geräten fehlt diese Erwartung. Man entdeckt sie manchmal zufällig. Im Urlaub, in einem kleinen Musikgeschäft, über einen Bekannten oder irgendwo im Internet, wo eigentlich niemand mehr genau weiß, warum dieses eine Pedal plötzlich aufgetaucht ist. Und wenn dieses Pedal plötzlich zur Geheimwaffe auf dem eigenen Pedalboard wird und den Spieler jahrelang begleitet, dann ist das viel wertvoller als das hundertste Pedal, das gerade alle haben wollen.