Ich hätte da mal gern ein Problem: Ich möchte diesen „Marshall-Sound“ – aber bitte leise, transportabel, bezahlbar und am besten ohne Bandscheibenvorfall. Ein Marshall-Halfstack ist großartig, aber eben nur bis der Nachbar klingelt. Genau hierfür gibt es „Marshall-in-a-box“-Pedale. Kleine Kästchen, große Versprechen – und erstaunlich oft erstaunlich nah dran.

Was folgt, ist ein kurzer Spaziergang durch acht Pedale, die mir und dir genau dieses britische Grinsen ins Gesicht zaubern können (an dieser Stelle danke an 30 Tage Money back). Mal dreckig, mal tight und überraschend vielseitig. Und manchmal auch ein bisschen overhyped – aber wat mutt dat mutt, wir sind schließlich Gitarristen.


Klassischer Plexi-Biss & Crunch

Fangen wir dort an, wo viele gedanklich sowieso starten: beim legendären Plexi-Sound. Dieses leicht angezerrte, offene, dynamische Knurren, das irgendwo zwischen Clean und Rock-Explosion lebt. 
Der Wampler Plexi Drive ist so etwas wie der sympathische Streber in dieser Kategorie. Er kann erstaunlich authentisch diesen klassischen Marshall 1959 Super Lead-Sound liefern – inklusive dieser schönen, glasigen Höhen und dem Gefühl, dass dein Anschlag plötzlich wieder zählt. Wer hier sloppy spielt, wird gnadenlos entlarvt. Danke auch.

Ein ganz ähnliches Spielfeld bedient der Xotic SL Drive, der sich explizit an den frühen Super Lead orientiert. Allerdings ist er kompakter, irgendwie bissiger und reagiert hervorragend auf das Volume-Poti meiner Gitarre. Dreht man zurück, wird’s fast clean – dreht man auf, geht´s schnell in Richtung AC/DC. Praktisch, wenn man zu faul ist, mehrere Pedale zu treten.

Beide Pedale liefern diesen „alten" Marshall-Sound, der weniger Gain hat, als man denkt – aber mehr Charakter, als man erwartet.
wamplerplexidrive  xotic sl drive


JCM800 – der fette Bruder

Sobald mehr Gain ins Spiel kommt, landet man fast automatisch beim Marshall JCM800. Dieser Amp ist quasi die Definition von Rock-Gain: tight, aggressiv, mittig und durchsetzungsfähig.

Die MI Audio Super Crunch Box gehört hier zu den Klassikern. Sie ist direkt, unkompliziert und liefert genau das, was man erwartet: knackigen Rock-Sound ohne viel Schnickschnack. Kein Boutique-Voodoo, sondern einfach „drauftreten, spielen, fertig“. Gerade live ein Segen.

Ein wenig raffinierter wird es mit dem JHS Angry Charlie. Der Name ist Programm – das Ding klingt wirklich wie ein schlecht gelaunter JCM800. Mehr Gain-Reserven, mehr EQ-Möglichkeiten, und insgesamt etwas „moderner“ im Feeling. Wer also zwischen Classic Rock und modernerem Hard Rock pendelt, wird hier ziemlich glücklich.

Was beide Pedale gemeinsam haben: Sie schneiden durch den Mix wie ein heißes Messer durch Butter. Nur verzeihen sie weniger als ein Bluesbreaker. Aber genau das wollen wir ja manchmal.
mi crunch boxjhs angry charlie


Hot-Rodded Marshall & High-Gain-Gefilde

Irgendwann reichte den Herren Gitarristen der normale Marshall-Sound wohl nicht mehr. Also wurde geschraubt, gemoddet und eskaliert. Deshalb willkommen im Land der „Hot-Rodded Marshalls“.

Der Friedman BE-OD basiert auf dem berühmten Friedman BE-100, der wiederum stark vom modifizierten Marshall-Sound inspiriert ist. Hier bekomme ich massiven Gain - für mich schon etwas zu viel - aber trotzdem Klarheit. Akkorde bleiben definiert, Leads singen – und man fühlt sich plötzlich ein bisschen zu gut.

Etwas vielseitiger zeigt sich der Bogner La Grange, der sich eher am klassischen Plexi orientiert, aber mit modernen Features erweitert wurde. Das Ding ist ein Spielplatz. Man kann damit sowohl Vintage-Crunch als auch ziemlich fiesen Rock-Gain erzeugen. Perfekt für alle, die sich nicht entscheiden wollen. Also eigentlich für uns alle.
friedman beod  bogner lagrange


Boutique-Charakter

Jetzt wird’s interessant, denn hier bewegen wir uns ein kleines bisschen abseits der ganz großen Namen und kommen zu einem regional ansässigen Hersteller, der in dieser Kategorie nicht fehlen darf.

Das Rodenberg BL800 ist ein Paradebeispiel für deutsches Boutique-Handwerk. Klanglich orientiert es sich stark am Marshall JCM800, bringt aber eine eigene Note mit: Irgendwie etwas mehr Wärme, ein bisschen mehr „HiFi“ im Ton, aber ohne steril zu wirken. Mir fiel die Dynamik auf – das Pedal reagiert super sensibel auf's Spiel. Wenn du sauber spielst, klingt es großartig. Wenn nicht… nun ja, dann lernt man dazu.

Ein weiterer sehr bekannter Kultkandidat ist die Zvex Box of Rock, die sich am Marshall JTM45 orientiert. Etwas weniger Gain, aber dafür schicken Vintage-Vibe. Dazu kommt ein integrierter Boost, der das Ganze noch einmal nach vorne schiebt. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man einen alten Amp anschreien, aber auf die gute Art.

Gerade diese beiden Pedale zeigen schön, dass „Marshall-in-a-box“ nicht immer bedeutet, einfach nur Gain draufzupacken. Oft geht es um Spielgefühl, Dynamik und diese schwer greifbare „Amp-Kompression“, die man sonst nur von großen Röhrenkisten kennt.
rodenberg bl800 zvex box of rock


Es gibt nicht den Marshall-Sound. Der Plexi klingt anders als ein JCM800, ein JTM45 anders als ein modifizierter Friedman. Und jedes Pedal interpretiert diese Vorbilder auch ein bisschen anders. Genau das macht die Sache gleichzeitig frustrierend und großartig.
Was diese acht Pedale gemeinsam haben, ist weniger ein identischer Sound, sondern vielmehr ein gemeinsames Ziel. Und zwar das Gefühl, dass der Ton unter den Fingern „arbeitet“. Dass ein einfacher Powerchord plötzlich nach mehr klingt. Dass man sich ein kleines bisschen wie auf einer großen Bühne fühlt, auch wenn man gerade nur im Wohnzimmer sitzt. Jepp, vielleicht ist genau das der eigentliche Marshall-in-a-box-Effekt. 

Es gibt natürlich noch viele weitere Pedale, die sich in diese Kategorie einreihen. Von den Marshall-Pedalen JCM800, 1959 oder JVM über den UAFX Lion und Catalinbread's Dirty Little Secret bis hin zu Keeley's El Rey Dorado, um nur einige zu nennen. Nur testen kann ich sie nicht alle, aber das Netz ist voll von tollen Berichten und Ranglisten.

Wie auch immer, ein gutes Pedal schadet definitiv nicht. Und die oben genannten finde ich gut.

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