8 Vintage-Gitarrenpedale und ihre modernen Neuauflagen
Wer sich einmal ernsthaft mit Effektpedalen beschäftigt hat, landet früher oder später im Kaninchenbau der Vintage-Klassiker. Das Problem: Die Originale sind entweder unbezahlbar, im schlechten Zustand oder verdammt selten auf dem Gebrauchtmarkt zu bekommen. Zum Glück leben wir in einer goldenen Ära der Neuauflagen, Clones und Hommagen. Viele Hersteller haben daher die alten Schaltungen nicht nur rekonstruiert, sondern teilweise auch sinnvoll weiterentwickelt. Das Ergebnis: Der Sound von gestern mit der Zuverlässigkeit von heute.TubeScreamer
Beginnen wir mit einem der wohl ikonischsten Zerrer überhaupt, dem Ibanez Tube Screamer TS808. (siehe auch "Geschichte des TubeScreamers") Dieser kleine grüne Kasten hat vielleicht mehr Blues- und Rock-Soli angeschoben als die meisten anderen seiner Mitstreiter. Sein Markenzeichen ist der berühmte Mid-Hump, der Gitarren im Bandmix schön nach vorne bringt. Wer nicht gerade ein Original aus den späten 70ern für dicke Knete jagen möchte, greift entspannt zur Neuauflage wie dem Ibanez TS808 Reissue oder einer von vielen weiteren modernen Interpretationen wie z.B. dem JHS Bonsai, der gleich mehrere Tube-Screamer-Varianten in einem Gehäuse vereint. Also quasi die Pedal-Version eines Best-of-Albums, nur ohne die schlechten Songs.Fuzz Face
Ein völlig anderes Kaliber stellt das Dallas-Arbiter Fuzz Face dar. Rund, wollig, unberechenbar. Berühmt gemacht von Hendrix, liefert dieses Pedal einen Fuzz-Sound, der sich mit dem Volume-Poti der Gitarre wunderbar zähmen lässt. Wer keine Lust auf fragile Vintage-Transistoren hat, findet zum Beispiel mit dem Dunlop Fuzz Face Mini eine kompakte und zuverlässige Alternative. Boutique-Fans greifen auch gern zum Analog Man Sun Face, das klanglich ebenfalls extrem nah ans Original geht.Big Muff
Ein weiteres Stück Effektgeschichte ist der Electro-Harmonix Big Muff Pi. Dieser Fuzz/Distortion-Mischmasch ist verantwortlich für alles von singenden Leads bis hin zu massiven Wall-of-Sound-Riffs. Während die Vintage-Versionen stark variieren können (Stichwort: „Which Muff is THE Muff?“), liefert der EHX Big Muff Reissue eine solide Basis. Wer es differenzierter mag, könnte beispielsweise mal einen Blick zu Wren and Cuff's Box of War riskieren, eine liebevolle Hommage an die russischen Muff-Varianten mit ordentlich Low-End-Wumms.Memory Man
Natürlich darf ein Delay-Klassiker nicht fehlen. Der Electro-Harmonix Deluxe Memory Man ist seit 1976 auf dem Markt und gehört zu den Analog-Delays mit ordentlich Vintage-Persönlichkeit. Warme, leicht modulierte Wiederholungen sorgen für diesen schwebenden Vintage-Vibe. Moderne Alternativen wie der Electro-Harmonix Deluxe Memory Man XO oder Interpretationen anderer Hersteller wie z.B. das MXR Carbon Copy bringen diesen Sound in ein zuverlässigeres, pedalboard-freundliches Format. Und ja, sie rauschen weniger, was man live vielleicht doch ganz angenehm findet.Phase 90
Wenn wir schon bei Modulation sind, führt kein Weg am MXR Phase 90 vorbei. Ein Dreh an dem einzigen Regler, und plötzlich klingt alles nach Van Halen oder psychedelischem 70s-Trip. Die aktuelle Version, der MXR Phase 90 Script Reissue, bringt den klassischen Sound zurück, während Varianten wie der MXR EVH Phase 90 zusätzliche Flexibilität bieten. Hier zeigt sich schön, wie ein simples Konzept über Jahrzehnte relevant bleiben kann. Manchmal ist weniger eben doch mehr.DynaComp
Kompressoren sind das stille Rückgrat vieler Sounds, auch wenn sie selten im Rampenlicht stehen. Der MXR Dyna Comp ist so ein Klassiker und kam Anfang der 70er auf den Markt: Er glättet das Signal, verlängert Sustain und verpasst cleanen Parts diesen typischen „Country-Snap“. Moderne Versionen wie der MXR Dyna Comp Reissue bleiben nah am Original, während Pedale wie beispielsweise der Keeley Compressor Plus das Konzept weiterdenken und deutlich mehr Kontrolle bieten. Wer einmal verstanden hat, wie ein guter Kompressor funktioniert, fragt sich, warum er so lange ohne spielen konnte.RAT
Ein besonders charmanter Außenseiter ist die ProCo Rat. Irgendwo zwischen Overdrive, Distortion und Fuzz angesiedelt, liefert es diesen rauen, aggressiven Sound, perfekt für Garage Rock oder Alternative. Die aktuelle Version, die ProCo Rat 2, ist nach wie vor ein Arbeitstier. Gleichzeitig existieren unzählige Clones wie u.a. der Walrus Audio Iron Horse, die zusätzliche Features und feinere Abstimmungsmöglichkeiten bieten. Die Rat ist ein gutes Beispiel dafür, dass „schmutzig“ manchmal genau richtig ist.CE-1 Chorus
Zum Abschluss darf ein echtes Kultpedal nicht fehlen: das Boss CE-1 Chorus Ensemble. Ursprünglich als Teil eines Roland Jazz Chorus konzipiert, wurde dieser Chorus schnell zum eigenständigen Effekt und prägte den Sound der 80er. Breite, schimmernde Modulationen, instant Nostalgie. Heute übernimmt der Boss CE-2W Waza Craft diese Rolle und kombiniert mehrere klassische Chorus-Sounds in einem kompakten Gehäuse. Wer den Original-CE-1 jemals geschleppt hat, weiß: Allein das geringere Gewicht ist schon ein Upgrade.Wer also Lust hat, ein Stück Musikgeschichte auf das eigene Pedalboard zu holen, muss heute keine Vintage-Jagd mehr starten. Die modernen Neuauflagen liefern den Spirit der Klassiker, ohne deren Macken gleich mitzukaufen (siehe auch "Originale und ihre Klone"). Und falls doch mal etwas fehlt: Es gibt garantiert ein paar Boutique-Hersteller, die genau dafür eine Lösung gebaut haben.
Am Ende geht es nicht um das perfekte Reissue oder den authentischsten Clone. Entscheidend ist, wie sich ein Pedal unter den Fingern anfühlt und wie es mit dem eigenen Setup interagiert. Ein günstiger Nachbau kann inspirierender sein als ein teures Original, das man sich kaum zu benutzen traut. Und manchmal stellt man fest, dass der eigene Sound weniger von der exakten Schaltung abhängt als vom eigenen Spielgefühl. Eine Erkenntnis, die gleichermaßen ernüchternd wie befreiend ist.