Wer seine Effektpedale liebt, kennt das ewige Thema "Stromversorgung". Kaum jemand will für jedes Pedal ein eigenes Netzteil in die Steckdosenleiste hängen. Deshalb greifen viele Gitarristen zu einer praktischen Lösung: dem sogenannten Daisychaining. Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Parallelschaltung mehrerer Pedale an einem einzigen Netzteil über ein Kabel, das mehrere Anschlüsse besitzt. Das ist eine feine Sache, wenn dein Netzteil nur wenige Ausgänge hat, es spart Platz, vermeidet Kabelsalat und wirkt auf den ersten Blick so simpel, dass man meinen könnte: Warum eigentlich nicht immer so?
Die Funktionsweise ist schnell erklärt. Ein Netzteil liefert eine bestimmte Spannung, in den meisten Fällen neun Volt Gleichstrom. Über eine Daisychain verteilt sich diese Spannung an alle angeschlossenen Geräte. Solange die Summe der Stromaufnahme aller Pedale den maximalen Stromwert des Netzteils nicht übersteigt, bleibt alles im grünen Bereich. Rein rechnerisch klingt das vollkommen logisch. Doch die Praxis bringt Tücken mit sich, die nicht jeder im Vorfeld bedenkt.
Ein Problem entsteht durch den geteilten Masseanschluss. Alle Pedale teilen sich denselben Minuspol. Dadurch können Störgeräusche, Brummen oder hochfrequente Pfeiftöne auftreten. Besonders Geräte mit digitalen Schaltungen oder hohen Stromanforderungen neigen dazu, ihre Nachbarn im Stromkreis hörbar zu beeinflussen. Plötzlich klingt der edle Hall verwaschen oder der Verzerrer rauscht stärker als gewohnt. Diese Nebeneffekte sind für viele Spieler ein klares Signal, sich nach alternativen Versorgungsmethoden umzusehen.
Aber nicht jedes Pedal reagiert gleich empfindlich. Analoge Overdrives, Booster oder klassische Fuzz-Schaltungen ziehen meist wenig Strom und lassen sich recht problemlos gemeinsam betreiben. Ganz anders sieht es bei digitalen Delays, Reverbs oder Modulationspedalen aus. Diese brauchen oft deutlich mehr Milliampere, arbeiten intern mit komplexen Schaltungen und mögen es überhaupt nicht, wenn sich mehrere Geräte die gleiche Leitung teilen. In solchen Fällen kommt es schnell zu Aussetzern oder unangenehmen Artefakten, die man selbst im dichtesten Bandgefüge noch heraushört.
Besonders kritisch sind Pedale, die eine negative Masse mit spezieller Polarität haben oder höhere Spannungen erwarten. Manche Vintage-Treter setzen auf positive Masse (center positive). Steckt man sie unbedacht in eine Daisychain aus einem center negative-Ausgang des Netzteils, kann das sogar zu Schäden führen. Auch Pedale, die intern aufwendig mit digitalen Chips arbeiten, erzeugen kleine Störimpulse, die sich über die gemeinsame Masseleitung auf andere Geräte übertragen. Das Ergebnis reicht von subtilen Nebengeräuschen bis zu einem unbrauchbaren Signal.
Wer Daisychaining dennoch nutzen möchte, sollte zumindest ein paar Dinge beachten. Zunächst ist es wichtig, den Gesamtstrombedarf der eigenen Kette zu kennen [siehe "Stromliste"]. Hersteller geben diesen Wert fast immer in Milliampere an. Addiert man alle Angaben, weiß man, wie viel das Netzteil liefern muss. Liegt der Bedarf unterhalb der maximalen Leistung, besteht theoretisch kein Risiko der Überlastung. Praktisch kann es aber trotzdem zu Problemen kommen, wenn unterschiedliche Pedaltypen vermischt werden.
Ein weiterer Punkt betrifft die Kabellänge. Je länger die Daisychain, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Störungen auftreten. Jeder zusätzliche Stecker und jede weitere Leitung bieten eine Angriffsfläche für Brummen oder Signalverlust. Darum sollte man überlegen, ob wirklich alle Geräte an derselben Kette hängen müssen oder ob sich zumindest die heiklen Digitalgeräte auf ein separates Netzteil auslagern lassen.
Manche Gitarristen berichten von positiven Erfahrungen, wenn sie nur wenige, einfache bzw. analoge Pedale auf diese Weise versorgen. Besonders im Proberaum oder bei kleineren Gigs kann das völlig ausreichen. Andere schwören darauf, dass ab einer bestimmten Pedalanzahl kein Weg an einem isolierten Mehrfachnetzteil vorbeiführt. Solche Lösungen bieten jedem Ausgang seine eigene galvanische Trennung. Damit gehören Störgeräusche fast immer der Vergangenheit an. Der Unterschied ist vor allem dann hörbar, wenn der Amp aufgedreht wird und jedes Brummen gnadenlos offenlegt.
Die Entscheidung hängt also stark von den individuellen Anforderungen ab. Wer ein minimalistisches Setup mit zwei, drei klassischen Bodentretern spielt, kommt mit einer Daisychain in vielen Fällen gut zurecht. Gitarristen, die komplexe Rigs mit Delay, Reverb, Looper, Pitch-Shifter und Synthesizer-Pedalen nutzen, sollten besser gleich in eine saubere Stromversorgung investieren. Letztlich zahlt sich diese Ausgabe in mehr Klangtreue, weniger Stress beim Soundcheck und höherer Zuverlässigkeit auf der Bühne aus.
Es gibt noch einen Aspekt, der selten angesprochen wird: die Sicherheit. Auch wenn neun Volt nicht gefährlich erscheinen, kann eine überlastete Daisychain durch Wärmeentwicklung oder instabile Spannungen Probleme verursachen. Im schlimmsten Fall verabschiedet sich nicht nur das Netzteil, sondern auch das empfindliche Pedal. Eine Investition in eine stabile Versorgung ist also auch eine Versicherung für das eigene Equipment.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Daisychaining eine praktische, günstige Lösung ist – allerdings mit Einschränkungen. Für kleine, einfache Setups kann es eine saubere Option darstellen. Sobald digitale Geräte, höhere Stromanforderungen oder unterschiedliche Polaritäten ins Spiel kommen, sollte man zweimal nachdenken. Der Traum von absolutem Störgeräusch-freiem Klang lässt sich meist nur mit isolierten Ausgängen erreichen.
Das Bewusstsein für diese Unterschiede hilft, teure Fehler zu vermeiden und den Sound so transparent wie möglich zu halten. Denn nichts ist frustrierender, als wenn das Lieblingspedal plötzlich seltsam klingt, nur weil es sich den Strom mit einem hungrigen Digital-Delay teilen muss. Deshalb lohnt es sich, die eigene Kette genau zu kennen und die passende Lösung zu wählen – ganz egal, ob es am Ende die günstige Daisychain oder das professionelle Netzteil wird.
Daisy Chaining
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