Wenn man Gitarristen eine scheinbar harmlose Frage stellt, merkt man - oder zumindest ich... nach längerem drüber nachdenken - sehr schnell, wie viel Bedeutung hinter der Antwort stecken kann.

Du gehst für ein Jahr auf eine einsame Insel und dürftest nur einen Effekt mitnehmen, der dich am meisten inspiriert – welcher wäre das? klingt zunächst nach einer netten Umfrage für zwischendurch, ist irgendwie aber auch eine Art musikalischer Stresstest. Fast wie: Welches Pedal würdest du retten, wenn dein Board brennt und du nur eine Hand frei hast.

Die Ergebnisse dieser Umfrage vom 04.01.2026 in der PEDALBOARD-Community sind spannend:
38 % entschieden sich für Delay, mit deutlichem Abstand vor Overdrive (18 %), Reverb (14 %) und Fuzz (9 %). Der Rest verteilte sich auf diverse Modulationseffekte wie Phaser, Octaver oder Uni-Vibe. Aber der klare Sieger ist der Delay-Effekt. Und ehrlich gesagt: Es wundert mich kein bisschen.
Nicht, weil es das „wichtigste“ Pedal im klassischen Sinn ist, sondern weil es das Pedal ist, das mir am schnellsten das Gefühl gibt, mehr Musik zu machen, als ich eigentlich gerade spiele. Und genau da liegt der Kern der Sache. Ein Delay ist kein Effekt, der sich in den Vordergrund drängt – zumindest nicht sofort. Es schreit nicht, es verzerrt nicht, es macht nichts kaputt. Es antwortet. Es reagiert. Es ist wie ein Gesprächspartner, der das Gesagte aufgreift, leicht verändert zurückwirft und dadurch etwas Neues entstehen lässt. Während ein Overdrive sagt: „Spiel härter!“, flüstert das Delay eher: „Spiel weiter.“

Das Delay

Das Faszinierende am Delay ist, dass es Zeit formt. Nicht Ton, nicht Lautstärke, sondern Zeit. Und Zeit ist Musik. Sobald ein Delay eingeschaltet ist, spielt man nicht mehr nur das, was man gerade anschlägt, sondern auch das, was vor einer halben Sekunde passiert ist. Plötzlich hat jede Note ein Nachleben. Jede kleine Ungenauigkeit wird hörbar – aber eben auch jede zufällige Schönheit. Ich habe mich unzählige Male dabei erwischt, wie ich eigentlich nur kurz etwas ausprobieren wollte. Ein Akkord, ein paar Einzeltöne, Delay an, Feedback halbwegs passend eingestellt. Zehn Minuten später sitze ich immer noch da. Das Delay hat diese gefährliche Eigenschaft, Zeit verschwinden zu lassen. Nicht, weil man technisch viel macht, sondern weil man gedanklich drin bleibt.
Vielleicht erklärt das auch, warum bei der Umfrage das Delay als „inspirierendster Effekt“ wahrgenommen wurde. Inspiration entsteht oft nicht durch Komplexität, sondern durch Rückmeldung. Ein Delay-Pedal gibt Feedback – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Man spielt etwas, bekommt es zurück, reagiert darauf, spielt anders, hört wieder zu, baut quasi irgendwie Vergangenheit in die Gegenwart mit ein. Super philosophisch :-) Es entsteht ein Kreislauf, der fast schon meditativ sein kann, besonders dann, wenn man nicht versucht, etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern einfach spielt.

Im Vergleich dazu ist das Overdrive erstaunlich ehrlich. 18 % haben sich dafür entschieden, und das ist absolut nachvollziehbar. Auch ich hatte schon mehr Overdrive-Pedale als Delays und wenn mich das GAS packt, sind es fast immer Overdrive-Pedale, die in den virtuellen Einkaufskorb gelegt werden. Dennoch liegt er in der Umfrage nicht ganz vorne. Ein Overdrive verstärkt nämlich nur, was da ist. Ein Delay erweitert, was da ist. Und Erweiterung fühlt sich oft kreativer an als Verstärkung.
Das Reverb auf Platz drei überrascht mich ebenfalls nicht, denn ohne Reverb klingt vieles irgendwie zu klar, zu direkt, vielleicht unfertig...!? Ich habe auch ein always-on-Reverb auf dem Board, aber eben nur zur leichten Soundverschönerung am Ende der Kette.
Der Fuzz mit seinen 9 % ist so etwas wie der rebellische Außenseiter der Umfrage. Fuzz ist Emotion, Chaos, Charakter. Aber eben auch sehr speziell. Ein Jahr lang nur Fuzz wäre wie ein Jahr lang nur scharf essen. Großartig für manche Momente, aber auf Dauer schwierig.
Das Delay dagegen ist erstaunlich vielseitig. Ambient-Flächen, rhythmische Patterns, Slapback, subtile Andickung, totale Eskalation – alles mit demselben Effekt, nur anders eingestellt.

Was das Delay besonders macht, ist seine Fähigkeit, das Spielgefühl zu verändern, ohne dass man bewusst etwas ändert. Man beginnt automatisch anders zu phrasieren, Pausen werden wichtiger, Noten dürfen länger stehen. Man lässt Dinge bewusst offen, weil man weiß, dass noch etwas zurückkommt. Dieses Wechselspiel aus Kontrolle und Loslassen ist vermutlich der größte Reiz.
Hinzu kommt der Spaßfaktor. Das Delay ist eines dieser Pedale, bei denen man auch nach Jahren noch denkt: „Was passiert eigentlich, wenn ich jetzt hier drehe oder dies spiele?“
Manchmal passiert gar nichts Besonderes, manchmal passiert Magie. Und manchmal entsteht ein rhythmisches Chaos, das man sofort wieder ausschaltet und trotzdem grinsend zurückblickt. Allein diese Unberechenbarkeit macht das Delay lebendig.

Vielleicht liegt der hohe Stimmenanteil auch daran, dass das Delay alleine funktionieren kann. Eine Gitarre, ein Amp, ein Delay – fertig. Kein weiterer Effekt nötig, um Tiefe zu erzeugen. Kein Overdrive, kein Modulationseffekt, kein Reverb. Das Delay kann all das zumindest andeuten. Es kann rhythmisch sein, atmosphärisch, subtil oder dominant. Es kann führen oder begleiten.
Am Ende sagt das Umfrageergebnis weniger über Effekte aus als über uns Gitarristen. Offenbar sehnen wir uns nicht nur nach Druck oder Verzerrung, sondern nach Interaktion. Nach einem Effekt, der zuhört, antwortet und uns manchmal besser klingen lässt, als wir es eigentlich verdient hätten. Delay ist kein Werkzeug im klassischen Sinn – es ist ein Mitspieler.

Wenn ich mir also vorstelle, ein Jahr lang nur ein einziges Pedal benutzen zu dürfen, dann will ich eines, das mir Gesellschaft leistet. Eines, das mich zum Weiterspielen verleitet, auch wenn ich eigentlich schon aufhören wollte, weil ich ja noch einen Fisch zum Abendessen fangen muss. Ein Pedal, das mir Ideen zurückwirft, die ich alleine vielleicht nie gehabt hätte. Und vielleicht genau deshalb liegt das Delay vorne. Nicht, weil es perfekt ist, sondern weil es uns das Gefühl gibt, nicht allein zu spielen.



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