BEATLES
Ich bin in den späten 70ern mit der Musik von den Beatles groß geworden. Ihre Songs haben mich von Anfang an begeistert. Die 4 Musiker haben in 7 Jahren ein kreatives Schaffen der Nachwelt hinterlassen, das seines gleichen sucht. Waren ihre Songs Anfang der 60er eingängige Pop Nummern, schufen sie später kreative experimentelle Werke, die trotz einer vordergründigen Eingängigkeit durchhaus komplexe und ausgeklügelte Arrangements in sich trugen. Wahrscheinlich war es purer Zufall, dass sich die 4 Herren genau zum richtigen Zeitpunkt getroffen haben und trotz unterschiedlicher Charaktere Kompositionen schufen, die bis heute einzigartig sind. Das war dann auch der Grund, warum die 4 eigenwilligen Persönlichkeiten Paul, John, George und Ringo 1970 nach nur 7 jähriger Zusammenarbeit, getrennte Wege gingen.In den späten 60ern war die Auswahl an Musik Equipment sehr überschaubar. Instrumente, Amps und Effektgeräte hatten rudimentäre Funktionen. Das selbe galt für die Studio Ausstattung. Als 1966 die Beatles ihr Album "Revolver" in den Abbey Road Studios Aufnahmen, waren die technischen Vorraussetzungen auf Höhe der Zeit. Es wurde ausschließlich analog auf einer 1 Zoll 4 Spur-Röhren-Tonband-Maschine aufgenommen. Die 4 Pilzköpfe wollten mit dem Album "Revolver" neue Wege gehen und experimentierten mit Songstrukturen, Instrumenten und Amps. Darunter befand sich ein sehr seltener Gitarren Verstärker, der mit diesem Album Geschichte schreiben sollte.
VOX
Die Beatles nutztem früh VOX Amps. Mit dem Model UL730 wagte sich die Marke auf ein neues Terrain. Während Brands wie Marshall oder Fender auf bewährte Voll-Röhren- Technik setzte, ging VOX einen Schritt weiter. Der UL730 ist ein Hybrid Verstärker mit einer Transistor Vorstufe und einer Röhren Endstufe mit 4x EL84 Bestückung. Von dem Amp wurden gerade mal 100 Stück gebaut, heute existieren noch etwa 25 Stück. Wegen technischer Probleme wurde die Idee den Amp weiter zu produzieren verworfen. Der Verstärker hat 2 Kanäle (Normal/Vibrato) mit je einer Klangregelung und integriertem Hall. Interessant ist die zusätzliche Fuß-schaltbaren Verzerrer/Fuzz Schaltung.Der Sound des Amps ist so markant, dass er oft als "Revolver" oder "Sgt. Pepper's Amp" bezeichnet wird. Auch Jimmy Page soll vom Klang des UL730 begeistert gewesen sein und ihn für Recordings genutzt haben.
LEMON DROP
Da dieser Verstärker äußerst selten ist, wird kaum jemand die Möglichkeit haben, den direkten Amp Sound hören zu können. Zum Glück gibt es einige Pedal Brands, die diesen Klang in Pedal-Form geschrumpft uns anbieten und somit in die Ära der Beatles Zeit einzutauchen.Das Lumpy's Tone Shop Lemon Overdrive soll diesen Klang widergehen können.
Ich habe ein Schaltbild des Verzerrers gefunden und nachgebaut.
MEINE VERSION
Das Layout der Schaltung ist übersichtlich, die Bauteile schnell zusammengestellt. Die Basis bilden ein 2N5457 JFet und ein BC108B Transistor umringt von wenigen Widerständen und Kondensatoren. Ein Mini Trimmer stellt die gewünschte Spannung des 2N5457 ein. Es gibt ein Volume, Gain und Filter Poti, die auf der Faceplate außen zugänglich die individuellen Klangwünsche einstellbar machen. Auf den ersten Blick ist nichts ungewöhnliches zu erkennen und mit vielen Overdrive Pedalen vergleichbar.SOUND
Den Sound des Pedals zu beschreiben ist kein leichtes Unterfangen, da Vergleiche schlichtweg fehlen. Ich kann ausschließlich auf die Songs der Protagonisten zurückgreifen, die mit dem Amp eingespielte Songs auf Tonträger festgehalten haben. Also habe ich alte Beatles und Zeppelin Songs mit dem Lemon Drop verglichen und beschreibe die Schnittmengen. Ich spiele das Overdrive in einen Marshall SV20 und versuche ihn so neutral klingen zu lassen wie möglich, um dem Pedal genügend Raum zu geben. Auffällig ist, wenn man Musik aus 60ern hört, dass Gitarren Sounds sehr klar und aufgeräumt klingen. Es ist eine Grundwärme im Ton, Pick Attack und Saitentrennung sind ausgeprägt, der Gitarren Klang im Vordergrund. Die Amps waren deutlich weniger verzerrt ausgelegt und dienten in erster Linie als „Lautmacher“, statt dem Sound einen ausgeprägten eigenen Charakter zu verleihen.Genau da setzt das Lemon Drop an.
Es klingt extrem aufgeräumt, gerade was das Lowend betrifft. Da mulmt nichts. Der Tubescreamer ist bekannt für seine schlanke Bassausprägung, das Lemon Drop Overdrive legt noch einen drauf und räumt komplett im unteren Frequenzbereich auf. Das ist Anfangs gewöhnungsbedürftig, generiert allerdings genau den Freiraum, den man sich als Gitarrist im Band Kontext wünscht. Das erinnert stark an einen Treble Booster wie den Range Master, der perfekte funktioniert, wenn's mal etwas undefiniert im Sound-Getümmel wird. Das Lemon Drop bringt noch eine Eigenheit mit. Es hat recht hohe Gain Reserven. Selbst auf Gain Poti "0" Einstellung zerrt es bereits. Das kann mit dem internen Trimmer etwas kompensiert werden, insgesamt ist die Schaltung allerdings als Zerrer ausgelegt.
Dreht man das Gain Poti weiter auf, wird der Ton hörbar "fuzziger", bleibt aber super definiert, da ja Lowend fehlt.
Der Sound liegt dann zwischen tightem Distortion ala ProCo Rat und klassischen Fuzz wie z.B. einem Tone Bender MK1.
Da ich meinen Amp gerne leicht crunchig einstelle, ist der Klang des Lemon Drop etwas wärmer und nicht zu aggressiv.
Ich habe es kurz in einen komplett Clean eingestellten Verstärker getestet. Das ist was für Leute, die auch Distortion Pedale gerne direkt ohne Cap Sim in Pulte spielen! Ich brauche das nicht.
Das Filter oder Tone Potentiometer hat einen interessanten Regelweg. Es ist wie der Name vermuten lässt ,weniger ein klassisches Tone Poti das meist passiv die Höhen beschneidet, sondern verändert das Mitten Spektrum. Es beeinflusst ähnlich wie ein Wah Pedal die Mitten und dünnt beim Aufdrehen noch mehr Bässe aus. Es arbeitet eher subtil und ist zur Feinabstimmung gedacht, größere Eingriffe sind nicht möglich.
Tatsächlich höre ich viele Überschneidungen zu Treble Booster Schaltungen. Weil es eben diesen zusätzlichen fuzzigen Unterton mitbringt und super tight klingt, hat es eine Sonderstellung in der Zerrer Welt. Es ist eigenwillig, man muss sich an den Ton gewöhnen. Wenn man sich alte Aufnahmen anhört, hört man genau diese Gitarren Sounds, die so klar definiert tönen und damit eine Ära geprägt haben. Heute sind wir viel mächtigere und "bassigere" oft viel zu laute und "zukomprimierte" Produktionen gewohnt. Der "natürliche Gitarren Sound ist oft nicht mehr wahrnehmbar. Da sind diese alten Aufnahmen eine willkommene Abwechslung und wohltuend für die Ohren und das Gemüt.
Das Lemon Drop ist kein Schöngeist und will es auch gar nicht sein. Bringt man das Pedal in Signal Kette will es gehört werden. Es greift mit seinen eigenwilligen Charakter deutlich ins Ton Geschehen ein. Sein extrem präsenter Sound muss gefallen und dürfte bei dem ein oder anderen für fragende Blicke sorgen. Das betrifft aber auch Fuzz Neugierige, die das erste Mal ein Fuzz Pedal vor den Amp schnallen. Man muss sich die Zeit nehmen und sich auf die besonderen Klangeigenschaften des Overdrives einlassen. Dafür bekommt man einen gainy-fuzzy Zerrton, der sich markant seinen Weg durch den Verstärker bahnt und den Vintage-Vibe der 60er-Jahre wiederbelebt.
Das Lemon Drop, das den Zerr Sound eines Vox UL730 wiedergibt, bietet einen sehr seltener eigenwilligen Sound, der einen nur sehr kleinen Kreis an Liebhabern finden wird. In meiner Sammlung an Overdrives und Fuzzes hat es eine Ausnahmestellung. Für super schlanke Vintage-Fuzzy-Boost- und Zerr-Sounds ist das Pedal eine echte Macht.