von Holle Humbuck

Wenn ein Expression-Pedal plötzlich neue Wege geht

Expression-Pedale gehören zu diesen Werkzeugen, die viele Gitarristen besitzen, aber längst nicht jeder wirklich ausreizt. Häufig endet ihre Aufgabe bei Wah-artigen Fahrten, Volume-Swells oder dem langsamen Öffnen eines Filters. Genau an diesem Punkt setzt das Fulcrum Expression Pedal von 901 Sound an – und stellt die gewohnte Denkweise einmal komplett auf den Kopf.

Schon der erste Blick verrät, dass dieses Pedal nicht versucht, einfach nur ein weiteres EXP-Pedal unter vielen zu sein. Das Fulcrum verfolgt ein eigenes Konzept. Statt sich lediglich nach vorne und hinten bewegen zu lassen, eröffnet es eine zweite Bewegungsachse und damit Möglichkeiten, die man sonst nur mit zwei separaten Expression-Pedalen oder komplexen MIDI-Setups realisieren würde. Klingt zunächst nach Nerd-Spielzeug für Modeler-Enthusiasten, fühlt sich in der Praxis aber überraschend musikalisch und direkt an.

Bereits beim Auspacken entsteht der Eindruck, dass hier kein Massenprodukt aus der Fließband-Ecke wartet. Das Fulcrum kommt ordentlich und sicher verpackt inklusive Stoffbeutel, ergänzt durch eine Schnellstart-Anleitung und praxisnahe Anwendungsbeispiele.

Noch bevor das erste Kabel angeschlossen wird, fällt die ungewöhnliche Form ins Auge. Das Gehäuse wirkt massiv und funktional zugleich, zeigt keine überflüssigen Design-Spielereien, keine futuristische Plastikoptik, sondern eine klare technische Sprache. Mit rund 1,1 Kilogramm bringt das Pedal ordentlich Gewicht mit. Das ist kein Nachteil, sondern vermittelt sofort Stabilität und Vertrauenswürdigkeit. Wer schon einmal leichte Expression-Pedale über den Bühnenboden geschoben hat, weiß ein satt stehendes Gerät schnell zu schätzen.
Die Verarbeitung hinterlässt einen ausgesprochen hochwertigen Eindruck. Kanten, Mechanik und Oberflächen wirken durchdacht und robust. Statt eines klassischen Wipp-Pedals findet man eine kreisrunde Trittfläche auf der Oberseite und standardmäßig kommt eine rutschfeste TPE-Unterseite zum Einsatz. Optional gibt es Varianten für Velcro-Montage oder individuelle Befestigungslösungen. Das klingt zunächst nach Detailarbeit, zeigt aber, dass hier offenbar Menschen entwickelt haben, die Pedalboards tatsächlich benutzen.
Der eigentliche Clou offenbart sich allerdings erst beim ersten Fußkontakt.

Klassische Expression-Pedale arbeiten eindimensional. Man bewegt sie von der Ferse zur Spitze und steuert damit einen Parameter oder mehrere gleichzeitig gekoppelte Werte. Das Fulcrum erweitert dieses Prinzip um eine zweite Achse. Die Trittplatte lässt sich nicht nur vor und zurück bewegen, sondern gleichzeitig auch nach links und rechts. Die Entwicklerin Sonja Schellenberg, der kluge Kopf hinter 901 Sound, beschreibt das treffend als "zwei über Kreuz angeordnete Expression-Pedale". Genau dieses Prinzip macht das Gerät so außergewöhnlich.
Was zunächst kompliziert klingt, fühlt sich überraschend logisch an. Nach wenigen Minuten beginnt das Gehirn umzuschalten und statt nur einen Regelweg zu denken, entsteht plötzlich ein räumlicher Umgang mit Klang.
Die Vorwärtsbewegung könnte beispielsweise die Verzerrung eines Amp-Modelers steuern, während die seitliche Achse gleichzeitig Delay-Level oder Reverb-Anteil verändert. Aus einem trockenen Rhythmus-Sound wird dann nicht bloß ein Solo-Sound, der gesamte Charakter des Tons entwickelt sich mit einer einzigen Bewegung weiter.

Genau hier trennt sich das Fulcrum von vielen anderen Konzepten, denn die zweite Achse eröffnet tatsächlich neue musikalische Möglichkeiten.
Besonders Besitzer moderner Modeler dürften sofort Ideen entwickeln. Geräte wie Helix, Axe-Fx, Kemper oder ähnliche Systeme leben davon, mehrere Parameter gleichzeitig zu kontrollieren. Das Fulcrum passt perfekt in diese Welt. Zwei unabhängige Bewegungsrichtungen bedeuten zwei getrennte Steuerinformationen und damit deutlich organischere Übergänge zwischen Sounds.

Ebenso spannend wird es mit Einzeleffekten. Denkbar wären Kombinationen wie Delay-Zeit und Feedback, Filter-Frequenz und Resonanz oder Tremolo-Speed gekoppelt mit Mix-Anteil. Selbst Pitch- und Ambient-Spielereien profitieren enorm von dieser zusätzlichen Dimension. 
Und die Bedienung verlangt auch keine Ingenieurs-Ausbildung. Klar, anfangs muss sich der Fuß natürlich an das neue Bewegungsmuster gewöhnen, etwas Übung ist also gefragt. Wer jahrzehntelang ausschließlich traditionelle Wipp-Pedale verwendet hat, benötigt diese Eingewöhnung. Die ersten Minuten fühlen sich ungewohnt an, danach arbeitet die Mechanik aber fast selbstverständlich. Tatsächlich entsteht eher die Frage, warum dieses Konzept nicht schon viel früher so kompromisslos umgesetzt wurde. 
Ein entscheidender Faktor dafür ist die Mechanik.
Das Fulcrum arbeitet mit einem ungewöhnlich großen Bewegungswinkel von ungefähr 30 Grad pro Achse. Dadurch lassen sich Parameter sehr feinfühlig dosieren. Kleine Fußbewegungen führen nicht sofort zu hektischen Sprüngen im Sound, sondern erlauben präzise Übergänge. Gerade bei Delay-Morphing, Filterfahrten oder Volume-ähnlichen Steuerungen macht sich das deutlich bemerkbar. Das Pedal läuft geschmeidig und bleibt zuverlässig in der eingestellten Position stehen. Ein unbeabsichtigtes Zurückklappen, wie man es von manchen Wah-Pedalen kennt, tritt hier nicht auf. 

Technisch verfolgt 901 Sound einen erfreulich bodenständigen Ansatz.
Das Fulcrum EXP arbeitet vollständig passiv und benötigt keinerlei Stromversorgung. Kein Netzteil, keine Batterie, keine zusätzlichen Stromanschlüsse auf dem Board. Gerade Live-Spieler werden diesen Ansatz schätzen. Weniger Stromversorgung bedeutet weniger mögliche Fehlerquellen. Einfach anschließen und loslegen.
Für die Signalübertragung stehen zwei komplett unabhängige Expression-Ausgänge zur Verfügung. Beide sind elektrisch voneinander getrennt und werden über 6,3-mm-TRS-Buchsen angeschlossen. Genau dieser Punkt ist enorm wichtig, denn dadurch kann jede Bewegungsachse ein eigenes Gerät oder einen eigenen Eingang steuern. Das Fulcrum verhält sich also nicht wie ein clever gesplittetes Einzelpedal, sondern wie zwei vollständig getrennte Expression-Controller in einem Gehäuse.

Die Kompatibilität wurde ebenfalls sinnvoll gelöst.
Nicht alle Hersteller verdrahten Expression-Eingänge identisch. Manche verwenden TRS, andere RTS beziehungsweise unterschiedliche Belegungen für Tip und Ring. Wer schon einmal ein inkompatibles Expression-Pedal angeschlossen hat und anschließend nur rückwärts laufende Werte oder Totbereiche erhielt, kennt dieses Problem. Die Entwicklerin hat deshalb kleine Umschalter auf der Unterseite integriert. Mit diesen Switches lässt sich die Belegung individuell anpassen. Dadurch harmoniert das Pedal mit zahlreichen Systemen und erspart frustrierende Adapter-Experimente.

fulcrum exp fx pedal

Im Inneren setzt das Fulcrum auf langlebige Komponenten. Besonders interessant sind die verbauten Potentiometer. Laut Hersteller erfüllen sie MIL-PRF-Spezifikationen und sind für rund eine Million Bewegungszyklen ausgelegt – deutlich mehr als viele Standardpotis klassischer Pedale. Ergänzend dazu wurden Gelenke und Mechanik umfangreichen Dauertests unterzogen. Gleichzeitig sollen die verwendeten Materialkombinationen die Gelenke wartungsfrei halten. Das klingt zunächst nach Marketing-Sprache, ergibt bei einem mechanisch anspruchsvollen Pedal allerdings durchaus Sinn, schließlich hängt das gesamte Konzept von einer dauerhaft präzisen Bewegung ab. 
Die technischen Eckdaten lesen sich entsprechend solide: 145 x 145 x 84 Millimeter, etwa 1,1 Kilogramm Gewicht, zwei TRS-Ausgänge, 100-kOhm-Linear-Potis und Bewegungsfreiheit auf beiden Achsen. Damit bewegt sich das Fulcrum eher im Bereich eines hochwertigen Spezialwerkzeugs als eines einfachen Zubehörpedals.

Interessant bleibt natürlich die entscheidende Frage: Braucht man so etwas wirklich?
Die Antwort hängt stark vom eigenen Setup ab. Wer ausschließlich einen Analog-Amp mit zwei Overdrives und gelegentlich einem Wah spielt, wird das Potenzial vermutlich nicht vollständig ausschöpfen. In solchen Fällen erledigt ein traditionelles Expression-Pedal seine Aufgabe meist problemlos. 
Sobald jedoch Multi-Effekte, MIDI-Steuerungen oder moderne Modeler ins Spiel kommen, verändert sich die Perspektive. Dort geht es längst nicht mehr nur um Lautstärke oder Wah-Fahrten, sondern um dynamische Klangverläufe, Morphing und simultane Parametersteuerung. Genau dort entfaltet das Fulcrum seine eigentliche Stärke.
Besonders beeindruckend wirkt dabei, dass die Technik nie Selbstzweck wird. Viele experimentelle Controller sehen spektakulär aus, verlangen aber komplizierte Programmierung und liefern am Ende eher akademische Ergebnisse. Das Fulcrum bleibt dagegen ein Fußpedal, nur eben eines mit deutlich erweitertem Horizont.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Der Preis bewegt sich oberhalb klassischer Expression-Pedale und dürfte spontane Impulskäufe verhindern. Außerdem braucht die Bedienung etwas Eingewöhnung. Wer erwartet, sofort blind über beide Achsen zu tanzen, wird zunächst üben müssen. Hinzu kommt der Platzbedarf. Durch die spezielle Konstruktion ist das Pedal größer als viele Standardlösungen und verlangt entsprechend Raum auf dem Pedalboard.
Dem gegenüber stehen allerdings echte Alleinstellungsmerkmale.
Das Konzept ist innovativ, die Verarbeitung überzeugend und die Umsetzung erstaunlich praxisnah. Statt nur zwei Pedale in ein Gehäuse zu packen, schafft 901 Sound eine neue Form der Klangsteuerung, die sich musikalisch sinnvoll einsetzen lässt.
Unterm Strich ist das Fulcrum kein gewöhnliches Zubehör und auch kein exotisches Gimmick. Vielmehr handelt es sich um ein Werkzeug für Gitarristen, die Klang nicht nur ein- und ausschalten, sondern aktiv formen möchten. Wer moderne Effektlandschaften oder Modeler nutzt und Freude daran hat, Sounds lebendig zu bewegen, sollte dieses Pedal unbedingt auf dem Radar haben.

Am Ende bleibt ein ziemlich klares Fazit: Das Fulcrum erweitert nicht einfach die Kategorie der Expression-Pedale, es definiert sie ein Stück weit neu.

Pro

✔ zwei unabhängige EXP-Ausgänge
✔ passive Arbeitsweise ohne Stromversorgung
✔ feine Regelbarkeit
✔ hohe Kompatibilität
✔ Sehr hochwertige Verarbeitung und langlebige Komponenten

Contra

✖ Eingewöhnung nötig
✖ Preis etwas höher


www.901sound.de

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