von Heinz Rebellius

2015 Fender Jimi Hendrix Stratocaster

Damals - um 2015/16 herum - war es keine leichte Aufgabe für das Fender-R&D-Department, eine Signature-Gitarre für den bekanntesten Botschafter der Stratocaster, James Marshall Hendrix, zu schaffen. Denn genau so, wie der sich als Linkshänder mit seiner Rechtshänder-Strat abmühte, würden es die meisten nun doch nicht wollen… Dieses Modell war recht erfolgreich, sodass Fender sich entschloss, sie auch in den jetzt (2025) aktuellen Katalog wieder mit aufzunehmen.
Die neue Jimi Hendrix Stratocaster stellt aber - aus gutem Grund - eine Art Kompromiss zwischen der tatsächlichen Hendrix-Realität und einer größtmöglichen Gitarristen-Kompatibilität dar. Wie so oft, hat Fender auch in seiner Hommage an den großen, amerikanischen Gitarristen einen Mittelweg finden können, der funktioniert.

Bauweise

Ich glaube, in einem sind wir uns einig – die richtige, wahre und einzig echte Jimi-Hendrix-Stratocaster müsste (aus Sicht eines Rechtshänders) doch eigentlich so aussehen: Man drehe die Replik einer 1968er Lefthand-Strat um und bespanne die Gitarre mit einem Satz Fender Rock´n´Roll-Saiten in den Stärken .010 - .038 in der Anordnung eines Rechtshänders. Also mit einer oben liegenden tiefen E6-Saite. Eben so, wie Jimi es auch gemacht, nur er als Linkshänder eben anders herum. Aus diesem Arrangement heraus ergaben sich einige spezifische Eigenschaften, die mitverantwortlich für den typischen Hendrix-Sound und seine Spielweise sind:
  • Der Reversed headstock (umgekehrte Kopfplatte) bedingt eine längere Saitenlänge der tiefen Saiten und ermöglicht dadurch eine griffigere, leichtere Spielweise auf diesen. Und – das ist meine Erfahrung – einen voluminöseren Klang. Umgekehrt lassen sich die höheren Saiten nicht mehr so leicht ziehen, was Hendrix z. B. dadurch zu kompensieren versuchte, dass er auch .009er E-Saiten verwendete. Zudem spielte er oft in Eb-Stimmung, was den Saitenzug ebenfalls erleichterte.
  • Der Steg-Pickup steht in Richtung Steg gewinkelt, was den Bass-Saiten etwas mehr Klarheit und Definition gibt, und den Treble-Saiten dafür etwas Schärfe nimmt.
  • Das Staggering der Pickups, also die Höheneinstellung der Magnetstifte, sieht nun so aus, dass nun der tiefste Magnetstift nicht mehr unter der H-, sondern unter der A-Saite sitzt. Was der letztgenannten einen leichten Lautstärkeabfall bescheren könnte.

Genau diese drei genannten Punkte – also Reversed Headstock, Reversed angled Steg-Pickup und das umgekehrte Staggering der Pickups hat Fender in seiner 2015er Version der Jimi Hendrix Stratocaster für Rechtshänder umgesetzt. Alle anderen Faktoren, mit denen Hendrix als Linkshänder, der eine Rechtshänder-Gitarre spielte, zu kämpfen hatte, wurden jedoch aus gutem Grund nicht berücksichtigt. Zum einen, weil sie die Spielbarkeit behindert, zum anderen, weil sie dem heutigen Zeitgeschmack nicht entsprochen hätten. Als da wären:
  • Der umgedrehte Korpus hatte das lange Korpushorn unten und erschwerte somit die Spielbarkeit in den hohen Lagen. Deshalb hat die neue Jimi-Hendrix-Strat einen Rechtshänder-Korpus bekommen.
  • Die Ausfräsungen für die Elektronik lagen nun oben, also in der Nähe der Bass-Saiten, und sorgten für ein – in Nuancen - perkussiveres Resonanzverhalten dieser Saiten.
  • Das für eine Strat typische, komfortable Shaping der Korpus-Rückseite spielte für Hendrix keine Rolle, denn es saß jetzt ja an der falschen Seite. Strat-Fans von heute müssen jedoch auf die Bierbauch-Kontur bei der neuen JH-Strat nicht verzichten.
  • Das Rechtshänder-Trem-System hatte seinen Arm oben (oberhalb der tiefen E-Saite) eingeschraubt, was Hendrix einige Manöver mit dem Unterarm gestattete. Hier wird jedoch ein richtig herum montiertes Trem-System verwendet.
  • Hendrix konnte sich nicht auf Sidedots verlassen, denn der Hals einer umgedrehten Gitarre weist eben dort, wo das Auge dann hinfällt, keine auf. Ob er sich mit irgendwelchen Markierungen beholfen hat, ist mir nicht bekannt. Der auf der neuen JH-Strat verwendete Hals hat natürlich die Side-Dots an der richtigen Stelle.
  • Hendrix´ originale Gitarren waren mit Vintage-Bünden bestückt und wiesen einen Griffbrett-Radius von 7.25“ auf. Die neue Hendrix-Strat hat dagegen einen modernen 9.5“-Radius und Medium-Jumbo-Bünde, was beides das Saitenziehen deutlich erleichtert.
  • Hendrix hatte natürlich keinen Fünfweg- sondern einen Dreiweg-Schalter in seinen Gitarren. Überhaupt spielte er vorwiegend über Hals- und Mittel-, und eher selten über den Steg-Pickup. Die 2015er und die neue Version ist ab Werk mit zeitgemäßem Fünfweg-Schalter ausgestattet.
  • Die speziellen Eigenarten von staggered Pickups versuchte Hendrix durch ein Experimentieren mit Saitenstärken auszugleichen. Er spielte laut Roger Mayer, der einige Zeit als Techniker mit Hendrix gearbeitet hat, mit den Saitenstärken .010 (oder .009), .013, .015, .026, .032 und .038. Also mit einer sehr dünnen G-Saite! Die neue Jimi Hendrix Strat kommt hingegen mit einer deutlich dickeren, zeitgemäßen Bestückung: .010, .013, .017, .026, .036, .046.

Dass Fender in der Jimi Hendrix Stratocaster nur die wichtigsten Eigenschaften seiner Gitarren auf ein Rechtshänder-Modell übertragen hat, mag für den beinharten Hendrix-Aficionado, der den Kampf mit dem unbequemen, „falschen“ Instrument als stilbildendes Element des Hendrix-Sounds und seiner typischen Spielweise versteht, vielleicht etwas wenig sein. Aber es ist ein mehr als gangbarer Weg, eben viele Gitarristen zu erreichen und auf diesem Weg u. a. mit dem Hendrix-Virus zu infizieren. Diesen Gitarristen sollte man jedoch mit auf den Weg geben, dass zu einem Hendrix-Sound natürlich noch andere Komponenten wie ein möglichst voll aufgedrehter Marshall-Amp, diverse Effektgeräte wie Fuzz Face, Wah Wah, Uni-Vibe und mehr, ein Höhen kappendes Spiralkabel und die unvergleichlich leichte Spielweise dazu gehören, die vielleicht den wichtigsten Anteil an seinem typischen Sound hat. Man bedenke, dass er relativ dünne Saiten spielte und die Gitarre oft noch einen halben Ton nach unten stimmte. Da konnte er nur mit leichtem Anschlag bestehen...

Nun schnell noch die harten Fakten: Die Gitarre kommt mit einem Rechtshänder-Erle-Korpus, einem One-piece-maple-Linkshänder-Hals, einem Rechtshänder-Vintage-Vibratosystem, Linkshänder-American-Vintage-65-Pickups (heute: Pure Vintage '65 Gray-Bottom Single-Coil Strat®), klassischer Vintage-Poti-Belegung (Master-Volume, Ton für Hals- und Ton für Mittel-Pickups) und ist in den hochglänzenden Polyester-Lackfarben Olympic White und Black zu haben.
Die in Mexiko gebaute Gitarre, die auf der Kopfplatte die Unterschrift von Jimi Hendrix aufweist und deren Halsplatte Hendrix-esk graviert ist, ist bestens verarbeitet und weist keine offensichtlichen Mängel auf. Plug and play – so wie es sein soll.
Eine Ironie des Schicksals liefert Fender allerdings auch gleich mit: Es gibt kein Linkshänder-Modell von der Gitarre, die dem größten Linkshänder-Gitarristen der E-Gitarren-Historie gewidmet ist. Schade.

Spielen

Ein Federgewicht ist die neue Jimi nicht – liegt aber natürlich als richtig herumhängende Strat perfekt am Mann. Auch der Hals mit seinem mittleren C-Profil fällt gleich passend in die Greifhand. Gleich mal vorab: Ich habe in der letzten Zeit selten eine Strat in der Hand gehabt, die so viel Spielfreude frei setzt wie dieses Ding hier! Warum auch immer, die Jimi springt fantastisch an, klingt knallig und direkt, geht voll in den Ton und animiert vor allem zu eins: Rock! Der schnelle, fett klingende Anschlag fordert eine dynamische Spielweise, die die Gitarre wunderbar direkt umsetzt. Das ist schon trocken zu hören, wird aber auch am Verstärker gnadenlos umgesetzt. Der schöne Knack im Ton schnalzt bei einsetzender Verzerrung betörend und auch mit viel Gain kommt sie bestens klar. Diese Pickups klingen interessant, weil sie einen sehr fokussierten, nicht gerade breitbandigen Frequenzbereich übertragen.
Jeder der drei Pickups hat deshalb einen absolut eigenen Sound und auch der mittlere kann hier, was Charakter und Volumen angeht, mit den beiden anderen mithalten. Weniger gut gefällt mir die Pos. 4, also die Zwischenposition zwischen Mittel- und Steg-Pickup. Sehr hohl und mit gedämpften Höhen knopflert es da etwas merkwürdig vor sich hin – das ist schon ein sehr spezieller Sound. Die andere Zwischenposition ist da deutlich besser einzusetzen, wenn man sie denn braucht.
Neben diesen überragenden Sounds fällt eine weitere Eigenschaft auf, die laut Theorie eigentlich gar nicht auftreten dürfte – eine sehr gute Ausgewogenheit der Lautstärke aller sechs Saiten!

Schauen wir dazu noch einmal kurz zurück in die Historie: Das Staggern der Pickup-Magnetstifte ist zu den Zeiten des Gitarrenbaus entwickelt worden, als man noch deutlich dickere Saiten verwendete, u. a. eine umwickelte G-Saite. Das Staggern sollte die Lautstärkeunterschiede eines solchen Saitensatzes in sich ausgleichen, aber auch das Abtastfeld des Pickups dem damaligen Griffbrettradius von 7.25“ angleichen. Genau an diesem Punkt hätte das Fender von heute aufs Glatteis geführt werden können, denn man hatte sich bei der Jimi Hendrix Stratocaster natürlich für eine moderne Saitenbestückung mit blanker G-Saite und einem modernen, flacheren Griffbrettradius von 9,5″ entschieden. Normalerweise sollte also nun, wenn die Theorie stimmt, die Lautstärke der G-Saite aus dem Kontor schlagen. Tut sie aber nicht. Und auch die A-Saite müsste eigentlich zu leise sein. Ist sie aber nicht. So viel zur Theorie...

Wir sollten also nicht zu lange über den originalen Hendrix-Gitarrensound philosophieren, denn der hätte mit einer normalen Linkshänder-Strat genauso geklungen wie mit seiner umgedrehten Rechtshänder-Gitarre. Auch die Veränderungen durch den anders herum montierten Steg-Pickup sind – wenn überhaupt – nur in Nuancen zu erahnen. Und eindeutig feststellbar nur in einem A/B-Vergleich mit ein und derselben Gitarre. Einen größeren Einfluss hat die reversed Kopfplatte, denn sie verschafft den tieferen Saiten eine geringere Biegefestigkeit und – das haben auch meine persönlichen Versuche mit einem anderen Gitarrenprojekt gezeigt – mehr Fülle und Größe. Und so eine Strat mit Reversed Headstock sieht einfach auch noch saucool aus, oder?

Fazit

Die Jimi Hendrix Stratocaster ist eine durch und durch faszinierende Rockgitarre, die unterm Strich viel mehr kann, als nur Hendrix nachzueifern. Diese Gitarre ist einfach End-60s-Rock pur! Der knallige, dynamische Sound, das Handling, die Spielbarkeit dieser Gitarre, das alles ließ mir fast keine andere Wahl, als mich in dieser musikalischen Richtung zu betätigen. Und Ja, da hört man genauso viel Hendrix wie auch Blackmore, als der noch einen guten Sound hatte. Und den ein oder anderen Gitarrenhelfen von damals, den hört man auch. Wer auf eine der coolsten Gitarren den Fender-Katalogs und damit auch auf solch einen Helden-Sonud steht, wie ihn die Jimi Hendrix Strat übermittelt, der kann sich diesen Sound heute wieder holen, z. B. mit der aktuellen Version, die es für ca. € 1250 im Laden gibt. Oder mit einer 2015er Jimi Hendrix Stratocaster, die es natürlich nur noch auf dem Gebrauchtmarkt gibt. Hier sollte wissen, dass es Mexico- und USA-Modelle gibt. Die mexikanischen werden zwischen 800 € und 900 € angeboten, die aus USA, gehen für das Dreifache dessen über den Tresen.

Pro

Sounds
Pickups
Spielbarkeit
Verarbeitung

Kontra

keine Linkshand-Version

SPECS

Marke: Fender
Modell: Jimi Hendrix Stratocaster
Made in: Mexiko
Hals: Ahorn, einteilig, geschraubt
Griffbrett: Ahorn, 9.5“-Radius
Halsform: C
Bünde: 21, Medium Jumbo
Korpus: Erle
Lackierung: Hochglanz Polyester-Lack in Olympic White und Black (nur 2015) und 3-Tone Sunburst
Schlagbrett: weiß
Tonabnehmer: Fender American ´65 Stratocaster (5,75 kOhm). In 2025: Pure Vintage '65 Gray-Bottom Single-Coil Strat®
Steg/Vibratosystem: Fender Vintage Tremolo
Mechaniken: Kluson-Typen
Gewicht: 3,50 (kg)
Neupreis in 2025: ca. € 1250 inkl. Gigbag

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