Wer sich im Overdrive-Dschungel bewegt, stolpert früher oder später über einen Namen, der unter Kennern fast schon Kultstatus genießt: OKKO FX. Der neue "DYNAMIST" ist laut Hersteller das wohl bekannteste Effektpedal von OKKO FX - der DIABLO Dual - nur in neuer Optik und eben mit neuem Namen. Er ist dabei so etwas wie die konsequente Weiterentwicklung eines seit Jahren ohnehin schon gefeierten Konzepts. Genau das macht neugierig, und deshalb lohnt sich ein genauer Blick.
Erster Eindruck
Schon beim Auspacken wird klar, dass hier kein Massenprodukt aus der Retorte vor einem liegt. Die Verpackung wirkt schlicht gehalten, fast schon zurückhaltend und das Pedal selbst liegt angenehm schwer in der Hand. Das Metallgehäuse vermittelt sofort den Eindruck von Robustheit und Langlebigkeit, man spürt förmlich, dass dieses Teil für den harten Touralltag konzipiert wurde. Die Lackierung wirkt hochwertig und widerstandsfähig, die Beschriftungen sind sauber aufgebracht und gut lesbar.Die Verarbeitung lässt wirklich keine Wünsche offen. Sämtliche Potis fühlen sich solide und präzise an, kein Wackeln und kein Kratzen beim Drehen. Der Regelweg ist angenehm dosiert, sodass feine Einstellungen problemlos möglich sind. Auch die beiden Kippschalter rasten schön ein und vermitteln mir das Gefühl, dass hier jahrelanger Gebrauch spurlos vorübergehen wird. Die Fußschalter haben einen angenehmen Druckpunkt – nicht zu schwergängig, aber auch nicht so leicht, dass versehentliches Betätigen zum Problem werden könnte.
Der Netzteil-Anschluss für den Standard-9V-Stecker mit negativem Mittelpol als auch die Buchsen für Ein- und Ausgang befinden sich an der Sirnseite des Pedals und sitzen bombenfest – hier wackelt nichts, auch nicht nach mehrerem Ein- und Ausstecken.
Was mich persönlich immer interessiert: Wie sieht es unter der Haube aus? Nach dem Entfernen der Bodenplatte präsentiert sich eine makellos aufgebaute Platine. Die Lötstellen sind sauber, die Bauteile ordentlich platziert und man erkennt sofort die Handarbeit, die hier investiert wurde.
Aufbau
Auf den ersten Blick wirkt der DYNAMIST mit seinen zahlreichen Reglern und Schaltern vielleicht etwas einschüchternd. Aber keine Sorge, nach kurzer Einarbeitung erschließt sich die Logik schnell und dann möchte man diese Vielfalt nicht mehr missen. Gehen wir die einzelnen Regler der Reihe nach durch.Drive
Wie der Namenszusatz "Dual FET Overdrive" verrät, gibt es hier zwei unabhängige, vollwertige Overdrive-Kanäle. Jeder Kanal verfügt über einen eigenen Drive-Regler, mit dem die Intensität der Verzerrung eingestellt wird. Der Regelbereich erstreckt sich von sanften, angezerrten Klängen bis hin zu kräftigen High-Gain-Sounds, die knapp in Distortion-Gefilde vordringen.
Level
Zu jedem Kanal gehört auch ein separater Level-Regler. Damit lässt sich die Ausgangslautstärke unabhängig vom Zerrgrad einstellen – unverzichtbar, um beide Kanäle perfekt aufeinander abzustimmen. So kann etwa Kanal eins für rhythmischen Crunch mit moderatem Pegel eingestellt werden, während Kanal zwei z.B. für Soli mehr Gain und einen deutlichen Lautstärkeschub bereithält. Der Wechsel zwischen den Kanälen erfolgt über den linken Fußschalter, wobei zwei kleine LEDs unmissverständlich anzeigen, welcher Kanal gerade aktiv ist.
Feed
Der Feed-Regler ist eine der Besonderheiten, die den DYNAMIST von vielen Konkurrenten unterscheidet. Er kontrolliert den Bassanteil im Eingangssignal, also bevor die eigentliche Verzerrung einsetzt. Das ist 'ne tolle Sache, denn bei vielen Overdrive-Pedalen führt ein hoher Bassanteil im Eingangssignal zu matschigen, undifferenzierten Klängen. Mit dem Feed-Regler lässt sich dem entgegenwirken. Besonders bei Gitarren mit fetten Humbuckern erweist sich diese Kontrolle als echter Segen. Zurückgedreht sorgt Feed für straffe, transparente Sounds, aufgedreht bekommt der Grundsound mehr Wärme und Fülle.
Body
Während Feed den Bass vor der Zerrsektion beeinflusst, wirkt der Body-Regler auf die tiefen und mittleren Frequenzbereiche nach der Verzerrung. Er fügt Bass und tiefe Mitten hinzu, was den Klang fetter und druckvoller macht. Gleichzeitig verändert sich auch die Gain-Struktur etwas. Mehr Body bedeutet daher nicht nur mehr Tiefen, sondern auch einen etwas komprimierteren Charakter, also irgendwie satter für mein Ohr. Klar soweit?
Tone
Der Tone-Regler dürfte ebenfalls bekannt sein. Er kontrolliert den Anteil an Höhen und oberen Mitten im Ausgangssignal. Voll aufgedreht klingt das Pedal brillant und schneidend, zurückgenommen wird der Sound weicher und dunkler. Der Tone-Regler ermöglich in Zusammanhang mit dem Mids-Schalter ne ganze Menge Klang-Optionen.
Mids-Schalter
Dieser dreistufige Kippschalter erweitert die klanglichen Möglichkeiten erheblich. Er verändert die Frequenz, um die herum der Tone-Regler arbeitet. In der Mitte erhält man den klassischen Sound mit neutralen Mitten, den ich bereits vom DIABLO der ersten Stunde kenne. Die zweite Position aktiviert einen dezenten Mid Cut, der den Klang etwas ausgehöhlter und moderner wirken lässt – ideal für Spieler, die den berüchtigten "Scooped"-Sound mögen. Stellung drei bietet dann noch einen leichten Mid Boost, der das Pedal durchsetzungsfähiger macht und ihm mehr Präsenz im Bandgefüge verleiht.
Input-Schalter
Dieser dreistufige Schalter variiert die Arbeitsweise der Verstärkungsstufe und ermöglicht so eine Anpassung an verschiedene Gitarrentypen und Spielweisen. In der oberen Position liefert das Pedal maximale Präzision und Klarheit, für mich als Spieler von Single-Coil-Gitarren perfekt. Die mittlere Stellung eignet sich hervorragend für die Gratwanderung zwischen Clean und angezerrt. Hier reagiert das Pedal besonders auf die Anschlagsdynamik. Position drei schließlich entspricht dem originalen früheren Diablo-Sound und bietet den vertrauten Charakter, den Fans des Klassikers schätzen.
Volt
Und damit kommen wir zu einem der spannendsten Features des DYNAMIST, dem Volt-Regler zur stufenlosen Headroom-Kontrolle (gleichzusetzen mit dem Dyn-Regler beim DIABLO). Kurz zur Erklärung:
Die interne Betriebsspannung eines Overdrive-Pedals hat enormen Einfluss auf dessen Klangcharakter und Spielgefühl. Die meisten Pedale arbeiten mit standardmäßigen 9 Volt, die eine Batterie oder ein übliches Netzteil liefert. Viele High-End-Pedale verfügen jedoch über interne Spannungswandler, die diese Spannung verdoppeln, man spricht dann von "18V-Headroom" oder ähnlichen Bezeichnungen.
Was bedeutet das konkret für den Sound?
Eine höhere Betriebsspannung führt zu mehr sogenanntem Headroom. Das ist der Spielraum, den die Schaltung hat, bevor sie in die Sättigung geht. Mehr Headroom bedeutet weniger Kompression, straffere Bässe und ein direkteres Spielgefühl. Das Signal wirkt irgendwie offener und dynamischer, Anschlagsnuancen kommen deutlicher zur Geltung. Weniger Headroom hingegen – also niedrigere Spannung – sorgt für mehr Kompression und einen weicheren, gesättigteren Sound.
Der geniale Aspekt dieses Volt-Reglers liegt in seiner Stufenlosigkeit. Während andere Pedale nur zwischen 9 und 18 Volt wählen lassen, erlaubt der DYNAMIST eine kontinuierliche und stufenlose Anpassung zwischen etwa 6 und 18 Volt. So findet man exakt den Sweet Spot, der zum eigenen Spielstil, zum verwendeten Verstärker und zur jeweiligen musikalischen Situation passt. Für cleane, dynamikreiche Sounds dreht man den Volt-Regler auf; wer klassische, leicht komprimierte Overdrive-Sounds bevorzugt, findet im unteren Bereich des Regelwegs sein Glück. Ein und dieselbe Grundeinstellung kann durch Variation des Volt-Reglers völlig unterschiedliche Charaktere annehmen, von vintage-mäßig komprimiert bis modern aufgeräumt ist alles möglich.
Diese Flexibilität ist in der Preisklasse nicht allzu häufig zu finden und macht das Pedal zu einem echten Gamechanger.
Sound
Die Möglichkeit, zwischen zwei unabhängig einstellbaren Kanälen zu wechseln, erweitert die Einsatzmöglichkeiten enorm. Im Bandalltag nutze ich typischerweise Kanal eins für rhythmische Parts mit moderatem Gain und dezent reduziertem Level. Der zweite Kanal ist dann für Leads reserviert, mit mehr Gain, mehr Lautstärke und vielleicht nen Tick mehr Body für zusätzliche Präsenz. Per Fußschalter lässt sich so nahtlos zwischen den beiden Sounds wechseln, ohne irgendwelche Regler anfassen zu müssen.Natürlich sind auch ganz andere Konfigurationen denkbar. Beide Kanäle auf low Gain für verschiedene Nuancen cleaner bis angezerrter Sounds. Oder Kanal eins als moderater Overdrive, Kanal zwei als fette Distortion. Die Flexibilität ist enorm, und selbst anspruchsvolle Gitarristen dürften kaum an Grenzen stoßen.
Vom bluesigen, leicht angecrunchten Sound über klassischen Rock-Overdrive bis hin zu moderneren High-Gain-Tönen deckt der DYNAMIST Dual ein erstaunliches Spektrum ab. Natürlich ist es kein Metal-Pedal, wer brutale High-Gain-Sounds für extremere Spielarten sucht, sollte sich woanders umschauen. Aber für alles von Jazz über Blues, Rock und Indie bis hin zu modernerem Alternative-Rock liefert das Pedal überzeugende Ergebnisse.
Besonders gut gefällt mir der DYNAMIST für klassische Rocksounds. Sei es knackiger Rhythm-Crunch im Stil der frühen AC/DC, singende Leads à la Santana oder dreckiger Blues-Rock, das Pedal liefert zuverlässig und mit eigenem Charakter. Die Möglichkeit, über den Input-Schalter und den Volt-Regler den grundlegenden Charakter anzupassen, macht es zudem anschlussfähig an verschiedenste Gitarren- und Amp-Kombinationen.
Natürlich habe ich den DYNAMIST auch mit meinem Single DIABLO verglichen - sicher ist sicher - und kann bestätigen, dass hier ein definitives Verwandschaftsverhältnis nicht zu leugnen ist.
Fazit
Unterm Strich kann ich sagen, dass der DYNAMIST kein Pedal für nebenbei ist. Es fordert genau wie der DIABLO ein wenig Einarbeitung und rumprobieren, belohnt dann aber mit einem Klangspektrum, das weit über das hinausgeht, was man von einem klassischen Overdrive erwartet.Zu den Stärken gehört ganz klar die enorme Flexibilität, die hohe Verarbeitungsqualität und die außergewöhnliche Dynamik. Ebenso überzeugend ist die Möglichkeit, durch unterschiedliche Spannungen den Klang gezielt zu formen. Die beiden Kanäle eröffnen kreative Optionen, die man sonst oft nur mit mehreren Pedalen erreicht.
Auf der anderen Seite steht eine gewisse Komplexität, die Einsteiger und Pedal-Newbies zunächst auf Grund der vielen Einstellmöglichkeiten überfordern könnte. Auch der Preis bewegt sich im Boutique-Bereich, was vielleicht nicht für jedes Budget geeignet ist. Wer jedoch bereit ist, sich mit dem Pedal auseinanderzusetzen, bekommt ein Werkzeug, das sein Geld wert ist und langfristig begeistert. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist angesichts der gebotenen Qualität absolut fair.
Als Liebhaber des DIABLO hat auch der DYNAMIST bei mir am Ende einen durchweg positiven Eindruck eines durchdachten, musikalischen Geräts hinterlassen, welches nicht einfach nur verzerrt, sondern das Spielgefühl erweitert und Lust aufs Weiterspielen macht. Und genau das ist es, was ein wirklich gutes Overdrive-Pedal ausmacht.
Pro
✔ Extrem dynamisches Spielgefühl✔ Sehr amp-artiger, transparenter Sound
✔ Zwei vollwertige Kanäle
✔ Breite Klangformung
✔ Variable interne Spannung
✔ Sehr hochwertige Verarbeitung
Contra
✖ Viele Regler✖ Sensible Einstellung
www.okko-fx.com