Es gibt Themen, bei denen man als Gitarrist automatisch in zwei Lager fällt. Darunter fallen z.B. Tonewood, Kabelklang oder Röhren vs. Modeling. Und irgendwo dazwischen, leicht schimmernd und ein bisschen nerdig, lauert das Schlagbrett aus Aluminium. Bei mir erhielt es Einzug beim Kauf einer Squier J.Mascis Jazzmaster vor rund 10 Jahren und so richtig Gedanken habe ich mir über dieses Bauteil nie gemacht. Bis jetzt (--> siehe auch "Jazzmaster Pickguard Kompatibilität"

Aluminium-Pickguards sind natürlich kein völlig neues Phänomen, aber sie gehören definitiv nicht zum Standardrepertoire. Während Kunststoff-Schlagbretter seit Jahrzehnten die Bühne dominieren, taucht Metall eher als bewusste Stilentscheidung auf. Manchmal aus ästhetischen Gründen, manchmal aus funktionalen und manchmal einfach, weil jemand dachte: „Warum eigentlich nicht?“

Historisch betrachtet findet man Aluminium vor allem bei Gitarren, die ohnehin einen Hang zum Unkonventionellen haben. Hersteller wie die Electrical Guitar Company sind bekannt für ihre Instrumente mit Aluminium-Hälsen oder -Bodies. Dort wirkt ein Metall-Schlagbrett fast schon logisch. Ältere Modelle wie die Travis Bean TB1000A oder auch moderne Instrumente wie beispielsweise die ESP Silver Blast SN-1000 oder die Shecter Sun Valley kamen bzw. kommen neben einem spitzen Sound auch ab Werk mit Aluminum-Schlgabtrettern ins Haus. Auch Fender hat neben meiner J.Mascis JM immer wieder limitierte Serien oder Custom-Shop-Varianten veröffentlicht, bei denen Chrome- oder Aluminium-Pickguards zum Einsatz kommen. Hier sei beispielhaft die Fender Ultra II Meteora oder die Ultra II Telecaster der 75th Anniversary Collection sowie die Tom Morello Strat zu nennen.

Optik von Aluminium

Was sofort auffällt: Aluminium verändert die visuelle Wirkung einer Gitarre drastisch. Während ein klassisches dreilagiges Kunststoff-Schlagbrett zwar schick aber auf Grund der Standardisierung eher unauffällig im Hintergrund bleibt, zieht ein gebürstetes oder poliertes Metall-Pickguard gleich die Aufmerksamkeit auf sich. Die Oberfläche reflektiert Licht, wirkt kühl und technisch, manchmal fast futuristisch. Gleichzeitig kann sie auch sehr roh und „industrial“ erscheinen, je nach Finish. Kratzer und Gebrauchsspuren gehören hier nicht zu den Makeln, sondern zur Ästhetik. Wer also auf perfekt makellose Gitarren steht, wird mit Aluminium vielleicht nicht unbedingt glücklich. Wer hingegen auf Charakter und Patina steht, bekommt genau das frei Haus. 

Sound

Optik ist aber nur die halbe Miete. Spätestens beim Thema Klang wird es interessant, und hier wird es – wie so oft – ein bisschen kompliziert. Denn für den einen ist es Mythos, für den anderen Realität.
Klar ist: ein Schlagbrett ist kein Tonholz. Aber vielleicht  ist es auch nicht völlig irrelevant. Es sitzt direkt an den Tonabnehmern und ist Teil der mechanischen Struktur, die Schwingungen aufnimmt und weitergibt. Aluminium ist deutlich steifer und dichter als Kunststoff. Diese Eigenschaft kann dazu führen, dass sich die Schwingungsübertragung minimal verändert.
In der Praxis berichten Spieler von einem "etwas strafferen, direkteren Attack. Die Ansprache wirkt oft präziser, manchmal sogar minimal heller" (Quelle: Internet :-) Das liegt sicher nicht daran, dass Aluminium „mehr Höhen erzeugt“, sondern eher daran, dass weniger Energie in der Materialflexibilität verloren geht. Nachvollziehbar, was ich meine? Kunststoff kann leicht nachgeben, Aluminium bleibt stabil. Der Unterschied ist subtil, aber für sensible Ohren, die wir Gitarristen uns bekanntlich ja oft zuschreiben, durchaus wahrnehmbar. Ich habe meiner JM neben dem Alu-Schlagbrett bereits mehrere Pickguards spendiert, aus Holz, Plastik, selbst eines aus Pappe zierte die Gitarre, und ich muss gestehen: ich höre keinen Unterschied.
Natürlich sollte man sich nichts vormachen: Der Einfluss eines Pickguards auf den Gesamtsound ist deutlich geringer als der von Pickups, Holz, Saiten oder Spieltechnik. Wer also erwartet, dass ein Aluminium-Schlagbrett aus einer dumpfen Gitarre plötzlich ein brillantes Monster macht, wird enttäuscht sein. Dennoch gehört es zu den kleinen Stellschrauben, die in Summe den Charakter eines Instruments formen.

Elektrik

Ein oft unterschätzter Punkt ist die elektrische Seite. Aluminium ist leitfähig und das bringt einige interessante Konsequenzen mit sich. Ein Metall-Pickguard kann als zusätzliche Abschirmung wirken, ähnlich wie Kupferfolie im Elektronikfach. Das bedeutet weniger Störgeräusche, weniger Brummen, vor allem in Umgebungen mit viel elektromagnetischem Chaos. Gerade bei Singlecoils kann das ein angenehmer Nebeneffekt sein. 
Allerdings hat das ganze auch so seine Tücken. Wer schon einmal eine Gitarre neu verkabelt hat, weiß, dass Masseführung ein sensibles Thema ist. Ein Aluminium-Schlagbrett muss korrekt geerdet werden, sonst kann es selbst zur krassen Störquelle werden. Berührt man dann das Pickguard und hört plötzlich ein verändertes Brummen, weiß man, dass da etwas nicht stimmt. Im besten Fall wird das Metall sauber in das Massekonzept integriert. Im schlimmsten Fall hat man ein schickes, aber nerviges Bauteil.

Stabilität & Haptik des Alu-Pickuard

Ein weiterer Aspekt ist die mechanische Stabilität. Aluminium ist robust, verzieht sich nicht und hält Schrauben zuverlässig. Während Kunststoff-Schlagbretter mit der Zeit Risse bekommen oder sich leicht verformen können, bleibt Aluminium formstabil. Das ist besonders interessant für Gitarristen, die ihre Instrumente häufig umbauen. Pickups wechseln, Potis tauschen, neue Schaltungen ausprobieren – all das hinterlässt bei Kunststoff irgendwann Spuren. Metall steckt das deutlich gelassener weg.
Auf der anderen Seite bringt genau diese Stabilität aber auch Nachteile mit sich. Aluminium ist härter und das merkt man beim Einbau. Zudem besteht die Gefahr, dass man sich beim Schrauben Kratzer einhandelt, die sofort sichtbar sind. Wer also eher zur Kategorie „Ich mach das schnell mal zwischen zwei Proben“ gehört, sollte ein bisschen mehr Geduld einplanen.

Gewicht ist ein weiterer, meines Erachtens aber unwesentlicher Punkt, den ich dennoch kurz erwähnen möchte. Ein Aluminium-Pickguard ist schwerer als ein Kunststoff-Pendant, aber wir reden hier nicht von einem dramatischen Unterschied. In der Praxis macht das vielleicht ein paar Gramm aus. Bei einer ohnehin schweren Gitarre fällt das also kaum ins Gewicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Dennoch kann es in Kombination mit anderen Metallkomponenten ein kleiner Faktor sein.

Was ich stark finde, ist die Haptik. Aluminium fühlt sich anders an. Kühler, glatter, manchmal fast ein bisschen steril. Wer viel mit der rechten Hand über dem Pickguard arbeitet, etwa bei bestimmten Picking-Techniken, wird das bemerken. Kunststoff wirkt wärmer und „weicher“, während Metall eine gewisse Distanz vermittelt. Das ist weder gut noch schlecht, sondern einfach Geschmackssache.

Weitere Besonderheiten

Ein Detail, welches mir erst nach längerer Zeit aufgefallen ist, ist die Geräuschentwicklung. Metall kann bei Kontakt mit Plektren oder Fingern leicht klicken oder klacken. Besonders aggressive Spieler, die gerne mal mit dem Plektrum auf dem Pickguard landen, hören plötzlich kleine Nebengeräusche. Das ist kein Drama, aber es gehört zu den Eigenheiten, die man kennen sollte.

Besonderheiten gibt es auch im Zusammenspiel mit Pickups. Einige Hersteller nutzen Aluminium-Pickguards bewusst als Teil des Designs, um einen bestimmten Look oder eine bestimmte Klangästhetik zu unterstützen. In Kombination mit Humbuckern kann das sehr modern und direkt wirken. Mit Vintage-Singlecoils entsteht oft ein spannender Kontrast zwischen klassischem Ton und industrieller Optik.
Ein Blick auf die Bühne zeigt, dass Aluminium-Pickguards oft von Gitarristen gewählt werden, die sich bewusst vom Standard abheben wollen. Es ist nichts was man unbedingt braucht, sonder eher etwas, was man unbedingt will. Diese Entscheidung hat etwas Persönliches. Man entscheidet sich gegen den Mainstream und für ein Detail, das nicht jeder hat.

Dabei spielt auch die Pflege eine Rolle. Aluminium kann oxidieren, je nach Oberfläche und Behandlung. Gebürstete Varianten entwickeln mit der Zeit eine eigene Patina, die viele als charmant empfinden. Mein gold anodized Pickguard hat nach ein paar Jahren nachlässiger Pflege einige leicht grünliche Flecken durch Schweiß und Bühnenliebe bekommen, die aber gut und schnell zu entfernen waren. Hochglanzpolierte Schlagbretter hingegen zeigen Fingerabdrücke gnadenlos. Wer also Wert auf ein stets makelloses Erscheinungsbild legt, sollte ein Mikrofasertuch griffbereit haben.

Für wen ist ein Aluminium-Schlagbrett sinnvoll?

Die ehrliche Antwort lautet: für Gitarristen, die genau wissen, warum sie es wollen. Es ist kein Upgrade im klassischen Sinne, sondern eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Kombination aus Optik, Haptik und kleinen, wirklich nur subtilen klanglichen Nuancen.
Wer gerne experimentiert, seine Gitarre als modulares System versteht und Spaß an ungewöhnlichen Details hat, wird mit Aluminium seine Freude haben. Wer hingegen einfach nur ein zuverlässiges, unauffälliges Instrument sucht, wird mit Kunststoff vermutlich glücklicher sein.
Und genau darin liegt der Reiz. Aluminium-Pickguards sind ein bisschen wie Boutique-Pedale. Nicht unbedingt notwendig, aber unglaublich spannend. Man entdeckt neue Facetten, lernt sein Instrument besser kennen und hat am Ende vielleicht nicht den „besseren“ Sound, aber einen, der sich ein kleines bisschen mehr nach einem selbst anfühlt.

Es ist auf jeden Fall nicht das Pickguard, das dich besser spielen lässt. Aber wenn es dich dazu bringt, deine Gitarre öfter in die Hand zu nehmen, hat es seinen Job vielleicht trotzdem ziemlich gut gemacht.

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